Ich und die Anderen

Ich und die Anderen

Der Tag aus meiner Sicht:

„Och ja, ich bin um 7h aufgewacht und dann auch aufgestanden, ne. War ja ausgeschlafen. Beim Morgenmagazin hab ich nen Kaffee getrunken oder auch 2 oder 3 und dabei Gewinnspiel-Adventskalender ausgefüllt. Vielleicht gewinnt man ja was. Danach halt duschen usw. und um 9h dann angefangen zwei Deutschtexte zu lesen. Naja überflogen so. Gekennzeichnet aber so richtig das wichtigste rausgeschrieben, hab ich noch nicht. Dann hab ich bei Amazon nen Geschenk bestellt und ne E-Mail geschrieben. Zum Mittagessen hab ich Aldi Tiefkühlkost verspeist (Nudeln mit Champignons und Rucola). Dann hab ich mich mal auf meinen Blog begeben und was geschrieben.“

Der gleiche Tag, aus der Sicht der „ich bin so beschäftigt“- Personen:

„Puh ja um 7h hat schon der Wecker geklingelt. Dabei war ich erst um 1h im Bett, ich musste gestern Abend noch kellnern und es wirklich schon ziemlich voll. Also voller als sonst. Wieso habe ich immer nur diese anstrengenden Schichten?! Dann schnell Kaffee getrunken, hatte ja keine Zeit. Musste auch noch was im Internet recherchieren, so dass ich gar nichts vom Morgenmagazin mitbekommen habe. Bis nächste Woche muss ich halt zwei total schwierige Texte für das Deutschseminar lesen also bin ich dann pünktlich um 9h an den Schreibtisch und hab gelesen. Die Texte sind so komplex, dass ich im ersten Durchgang nur das Wichtigste unterstrichen habe, einfach um erst einmal einen Überblick zu bekommen, weiße. Nach 2 Stunden hab ich gemerkt wie meine Konzentration nachlässt und habe mich erst mal um Weihnachtsgeschenke gekümmert. Weihnachten ist ja auch schon nächste Woche und so viel Zeit hab ich ja leider nicht. Habe aber nun fast alles zusammen. Musste dann noch eine wichtige Mail schreiben, da ich eine Sache vor dem Jahresende erledigt wissen wollte. Gut, dass ich da noch dran gedacht habe. Mittags habe ich gekocht. Nudeln mit Champignons und Rucola. War total lecker. Da ich ja auch noch einen Blog besitze und dass ja nicht so einfach ist auch regelmäßig etwas zu Schreiben habe ich meine Mittagspause dafür genutzt- aber das ist ja auch mein Hobby.“ – dabei gucken wir gestresst und lachen leicht kindisch.

– und? fällt was auf?

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Am Ende des Regenbogens

Am Ende des Regenbogens

Am Ende des Regenbogens steht ein Topf,

ich schleiche langsam hin und senke den Kopf.

Zu meiner Überraschung begrüßt mich ein Gnom

und fragt: wusstest du schon?

Nimmst Du das Gold, so nimmst Du auch mich mit Heim,

solang der Rubel rollt, bin ich auch nicht gemein.

Doch ist es aus, so sitz ich Dir im Gewissen,

Du wirst das Gold dann sehr vermissen.

Ohne Gold bringe ich kein Glück.

Geh ein Stück und überlege Dir gut,

ist es das Risiko wert,

was Dir das Gold beschehrt?!

Oder gehst Du besser ohne Topf nach Haus

und ich warte auf den Nächsten, den das Gold berauscht?!

(Mai, 2010)

Eine Treppe

Eine Treppe

Eine Treppe

ein Schritt vor

zwei zurück

wieder vor.

Und am Ende war ich es,

die sich verlor.

 

Ein Geländer,

festhalten,

loslassen,

wieder danach greifen.

Und am Ende ließ es

mich nicht reifen.

 

Das Leben,

vor, zurück,

halt, haltlos,

was mach ich hier bloß?

 

(Mai, 2010)

Seminararbeit

Seminararbeit

Ich bin ein Stift. Genauer gesagt ein blauer Kugelschreiber. Ich wohne an verschiedenen Orten. Meine Besitzerin wechselt so oft ihre Taschen und ich wechsele somit meinen Wohnort. Frauen eben. Manchmal liege ich auch tagelang auf dem Schreibtisch. Sucht meine Besitzerin mich dann, verstecke ich mich manchmal extra so lange bis sie ein bißchen an ihrem Verstand zweifelt oder an ihrem Gedächtnis. Mit mir wird viel geschrieben, auch diese Geschichte. Wir haben die Reflexion vorgeschrieben, weil wir nicht so gerne an der Computertastatur schreiben. SMSen auf diesem komischen (wie ich finde) Handy, schreibt meine Besitzerin allerdings gern. Das sehe ich manchmal. Für die Uni werde ich relativ viel gebraucht. „Relativ“, weil meine Besitzerin ab und zu etwas schreibfaul ist. Mich gibt es noch nicht ihr ganzes Leben. Meine Vorfahren waren Bunt- und Filzstifte und Füllfederhalter. Mit meinem Ur- Ur- Ur-Uropa hat meine Besitzerin ihr Abitur geschrieben zum Beispiel. Wenn ich Glück habe darf ich auch mit auf Reisen. Da schreibe ich oft Postkarten oder Listen, was wir uns ansehen oder was wir nicht vergessen dürfen. Sogenannte To-Do Listen. Außerdem mache ich Termine, damit meine Besitzerin nicht durcheinander kommt. Auch Kurzgeschichten und Gedichte schreibe ich. Tagebücher fange ich oft an, mir macht es auch Spaß aber meine Besitzerin ist da nicht wirklich so hinterher. Manche Leute klauen mich auch oder ich werde ausgeliehen und nicht wieder zurückgebracht. Dann stelle ich mich einfach „schreibuntauglich“ und werde schnell von allein wieder zurück gegeben. Ich hoffe sehr, dass ich in diesem Seminar noch viel schreiben darf. Drückt mir die Daumen, dass ich durchhalte. Leider haben wir Kugelschreiber eine nicht so lange Überlebensdauer aber dafür bin ich ein sehr wichtiges Mittel damit meine Besitzerin sich ausdrücken kann. Auf meine Freundin, ich nenne sie hier mal „Sprache“ bin ich trotzdem manchmal neidisch.
Vielleicht schreib ich morgen noch mehr aber jetzt muss meine Besitzerin leider ins Bett. Schade, ich habe gerade so viel Spaß dran. Das passiert oft. Wir schreiben einfach drauf los, wissen auch gar nicht wirklich was wir schreiben wollen aber am Ende ist das Ergebnis gar nicht so schlecht wie wir erst vermutet haben. Die Ideen kommen meiner Besitzerin oft erst beim Schreiben selbst.
– jetzt macht sie sich eine Zigarette an- seht ihr, wir bleiben doch noch etwas bei euch. –
Sind unsere Ergebnisse richtig gut, also finden wir sie nach mehrmaligen lesen nicht total doof kommen sie in ein hübsches schwarzes Buch. Dieser Text wird es dahin aber leider nicht schaffen, vermuten wir. Öffentlich liest meine Besitzerin wenn überhaupt Gedichte vor. Die müssen nicht witzig sein. Man hat oft das Gefühl, selbst wenn man ein nicht so gutes Gedicht vorliest, dass die Hörer eher daran zweifeln es verstanden zu haben und es trotzdem für gut befinden, auch wenn es das nicht war. Bei Geschichten ist das schwieriger, finden wir. Wir verlieren den Faden. Den berühmten roten Faden. Das kann beim Schreiben durchaus passieren und dann heißt es nachher: Thema verfehlt. – aber es hat Spaß gemacht und daher kann es nicht so schlecht sein.

(November, 2011)